KitzelKater

Ein verregneter Abend in der WG

✍️ Verena
"Zwei Mitbewohnerinnen, ein Regentag, eine Flasche Öl und ein ausgelassenes Spiel, das viel länger dauert als geplant."
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Als Mia an diesem Donnerstag die Tür zur WG aufschloss, hing ihr der Tag wie ein nasser Mantel an den Schultern. Das Seminar war zäh gewesen, die Bibliothek überfüllt, der Bus zu spät, und der feine Nieselregen hatte es geschafft, sie trotz Kapuze bis auf die Haut zu ärgern. Sie trat in den Flur, streifte die Sneaker ab und ließ den Stoffbeutel mit einem dumpfen Geräusch auf die Kommode sinken.

Aus der Küche drang Musik. Nicht laut, eher warm. Dazu der Geruch von Zitronentee und frisch gebratenem Gemüse.

„Du siehst aus, als hättest du mit einer Regenwolke diskutiert und verloren“, rief ihre Mitbewohnerin Nora, noch bevor Mia ganz im Türrahmen erschien.

Mia zog die Nase kraus und lehnte sich an den Türrahmen. „Ich hatte eindeutig die besseren Argumente. Die Wolke war nur unfair.“

Nora lachte. Sie stand barfuß in der Küche, in einem ausgewaschenen Uni-Shirt und einer weiten Jogginghose, das dunkle Haar zu einem lockeren Knoten gebunden. In ihrem Gesicht lag diese leichte, helle Wachheit, die Mia immer beneidete. Selbst an grauen Tagen sah Nora aus, als hätte sie irgendwo ein kleines Stück Sonne versteckt.

„Setz dich“, sagte sie und schob Mia eine dampfende Tasse zu. „Ich habe beschlossen, dass heute Abend nichts Produktives mehr passiert.“

„Klingt vernünftig.“

„Ich bin bekannt für meine Weisheit.“

Mia setzte sich an den Küchentisch, wärmte die Finger an der Tasse und atmete auf. In dieser WG, in dieser kleinen Altbauwohnung mit den knarrenden Dielen und dem ewigen Chaos aus Büchern, Pullis und halb gegessenen Müsliriegeln, fühlte sich selbst ein schlechter Tag weniger schwer an.

Sie tranken Tee, aßen direkt aus der Pfanne und redeten über alles Mögliche. Über eine Kommilitonin, die in jedem Referat dieselben drei Fremdwörter benutzte. Über den Hausmeister, der allen ernsthaft einen Aushang zur korrekten Mülltrennung geschrieben hatte. Über Noras Plan, ihre Zimmerpflanzen mit Namen aus russischen Romanen zu versehen.

Später landeten sie im Wohnzimmer. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben, drinnen war es warm. Eine Lichterkette leuchtete über dem Bücherregal, auf dem Couchtisch stand noch der Rest Tee, und Nora hatte sich der Länge nach aufs Sofa gelegt.

Mia saß auf dem Teppich, den Rücken gegen das Sofa gelehnt, und massierte sich gedankenverloren den Nacken.

„Verspannt?“, fragte Nora.

„Komplett.“

„Soll ich dir Öl holen? Ich habe noch dieses Körperöl mit Lavendel. Eigentlich für trockene Haut, aber es riecht gut und macht zumindest alles luxuriöser.“

Mia drehte den Kopf. „Du besitzt Körperöl?“

Nora hob eine Braue. „Ich bin ein Mensch voller geheimer Seiten.“

Eine Minute später kam sie mit einer kleinen Glasflasche zurück. Das Öl glänzte goldgelb im warmen Licht. Nora setzte sich hinter Mia auf das Sofa, beugte sich vor und gab ein paar Tropfen in ihre Hände.

„Nur Schultern“, sagte Mia. „Sonst schläfst du nachher auf dem Teppich.“

„Ich nehme das Risiko in Kauf.“

Die ersten Berührungen waren angenehm. Nora arbeitete langsam, mit ruhigen Händen, über Mias Schultern und Nacken. Das Öl wärmte sich schnell auf der Haut, der Duft nach Lavendel und etwas Zitrischem stieg auf, und Mia merkte, wie ihre Spannung sich löste.

„Nicht schlecht“, murmelte sie.

„Natürlich nicht schlecht. Ich bin brillant.“

„Bescheiden auch.“

Nora lachte leise und ließ ihre Fingerspitzen ein Stück tiefer über Mias Schulterblätter gleiten. Mia schloss kurz die Augen. Genau das hatte sie gebraucht.

Dann wanderte eine Hand seitlich nach vorn, nur ein wenig, fast zufällig, bis sie den Rand ihrer Achsel streifte.

Mia zuckte sofort zusammen.

Nora hielt inne. „Oh.“

Mia drehte halb den Kopf. „Was oh?“

„Du bist da kitzlig.“

„Bin ich nicht.“

„Mia.“ Nora legte die Hände unschuldig in den Schoß. „Du hast gerade einen halben Meter Sprung gemacht.“

„Das war ein Reflex.“

„Ein sehr verräterischer Reflex.“

Mia verdrehte die Augen, aber ein Grinsen zog schon an ihrem Mund. „Wag es ja nicht.“

Nora beugte sich vor. „Diese Formulierung ist praktisch eine Einladung.“

„Nora.“

„Mia.“

Es war still für genau zwei Sekunden. Dann strich Nora mit zwei Fingern federleicht an der Seite entlang, knapp unter der Achsel.

Mia schnappte nach Luft und brach in ein überraschtes Lachen aus. „Nein! Hör auf!“

„Aha“, sagte Nora zufrieden. „Also doch.“

Mia drehte sich, wollte nach ihrer Hand greifen, aber Nora war schneller. Nicht grob, nicht drängend, eher spielerisch wich sie aus und setzte gleich noch einen zweiten kleinen Angriff. Diesmal an der anderen Seite. Mia lachte sofort wieder, zog die Ellbogen eng an den Körper und versuchte, sich aufzurichten.

„Das ist unfair“, protestierte sie zwischen zwei Lachern.

„Das Leben ist hart.“

„Du bist hart.“

„Auch richtig.“

Mia packte ein Sofakissen und schlug damit nach Nora. Nora fing es ab, verlor dabei das Gleichgewicht und rutschte halb vom Sofa. Im nächsten Moment landeten beide lachend auf dem Teppich.

Es wurde zu einem dieser Kämpfe, die niemand ernst meint und die trotzdem nicht enden, weil beide zu viel Spaß daran haben. Mia schaffte es einmal, Nora an der Taille zu erwischen, was ihr ein helles Aufquietschen einbrachte. Nora revanchierte sich sofort und erwischte Mias Bauch.

„Nicht da!“, japste Mia und krümmte sich lachend zusammen.

„Warum nicht gerade da?“

„Weil das gemein ist!“

Nora grinste so breit, dass Mia schon wusste, was als Nächstes kam. Zwei flinke Hände wanderten über ihren Bauch, leicht und unberechenbar, mal an den Seiten, mal in kleinen Kreisen über die Mitte. Mia lachte so heftig, dass sie kaum noch Luft bekam, und wand sich auf dem Teppich.

„Du bist ja furchtbar empfindlich“, stellte Nora fest.

„Du bist furchtbar nervig.“

„Und trotzdem wohnst du gern mit mir.“

„Im Moment bin ich unsicher.“

Nora hob für einen Augenblick die Hände. Mia sog gierig Luft ein, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wollte gerade etwas Triumphierendes sagen, als Nora mit einem Finger mitten ihren Bauchnabel erwischte.

Mia gab ein so empörtes, schallendes Lachen von sich, dass beide für einen Moment selbst darüber losprusteten.

„Nein! Nicht der Bauchnabel, Nora! Alles, nur nicht der Bauchnabel!“

„Interessante Information“, sagte Nora mit gespielter Nachdenklichkeit. „Wirklich sehr hilfreich.“

„Ich hasse dich.“

„Nein, tust du nicht.“

Mia versuchte erneut, ihre Handgelenke freizubekommen, scheiterte aber vor allem daran, dass sie vor Lachen kaum Kraft in den Armen hatte. Nora hielt sie nicht fest, sondern blockte sie nur geschickt ab, neckte sie, ließ ihre Finger immer wieder über Bauch und Bauchnabel huschen, gerade lang genug, um Mia wieder zum Kichern zu bringen.

„Pause“, brachte Mia schließlich hervor. „Ganz kurze Pause.“

Nora ließ sofort ab und setzte sich zurück. „Okay. Alles gut?“

Mia atmete tief durch, noch immer lachend, und nickte. „Ja. Leider.“

„Leider?“

„Leider weißt du jetzt zu viel.“

Nora legte eine Hand aufs Herz. „Ich werde verantwortungslos damit umgehen.“

Mia stemmte sich hoch und zog die Knie an. Dann fiel ihr Blick auf die kleine Ölflasche, die noch offen auf dem Couchtisch stand. Ein langsames, gefährliches Lächeln schob sich auf ihr Gesicht.

Nora bemerkte es sofort. „Warum guckst du so?“

„Nur ein Gedanke.“

„Mia.“

Ohne ein Wort griff Mia nach der Flasche. Nora rutschte automatisch rückwärts. „Oh nein.“

„Oh doch.“

„Du kannst mit Öl nicht verantwortlich umgehen.“

„Das hast du eben schon über Wissen gesagt.“

Mit überraschender Entschlossenheit packte Mia Noras Fußgelenk. Nora war barfuß, und allein der kühle Luftzug ließ ihre Zehen zucken. Mia gab ein paar Tropfen Öl in ihre Handflächen und rieb sie genüsslich aneinander.

„Mia“, sagte Nora und lachte schon, obwohl noch gar nichts passiert war. „Wir können vernünftig darüber reden.“

„Jetzt plötzlich?“

Dann strich Mia mit beiden Händen über Noras Fußsohle.

Nora schoss hoch, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ein helles, unkontrolliertes Lachen platzte aus ihr heraus. Sie versuchte, den Fuß wegzuziehen, aber Mia hielt ihn mit beiden Händen fest genug, um ihn in Position zu behalten, ohne ihr weh zu tun.

Das Öl machte jede Bewegung gleitender, jede Berührung flinker. Mias Finger fuhren über die glatte Sohle, über die weiche Wölbung, über die empfindlichen Stellen unter den Zehen, und Nora konnte vor Lachen kaum still liegen.

„Nein, nein, nein, Mia! Das ist schlimm! Das ist viel zu schlimm!“

„Ach?“, fragte Mia unschuldig. „Nur ein Reflex?“

Nora warf den Kopf zurück und lachte, versuchte sich aufzudrehen, bekam dabei aber den zweiten Fuß gleich auch noch zu fassen. Jetzt war sie verloren. Mia massierte erst, langsam und warm, dann wurden die Bewegungen leichter, kribbelnder, zielgerichteter. Öl glänzte auf Noras Sohlen im Licht der Lichterkette.

„Du bist an den Füßen schlimmer als ich überall zusammen“, stellte Mia fest.

„Bitte analysiere das nicht auch noch!“

Mia konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Sie ließ eine Hand kurz zur Fußmitte wandern, die andere unter die Zehen. Nora quietschte, zog die Schultern hoch und trommelte mit beiden Händen auf den Teppich.

Nach einer Weile gönnte Mia ihr eine Pause. Nora lag keuchend da, das Haar halb offen, die Wangen gerötet und die Augen glänzend.

„Du Monster“, sagte sie.

„Danke.“

„Ich meinte das nicht nett.“

„Ich schon.“

Ein paar Sekunden lagen sie nur nebeneinander und hörten dem Regen zu. Dann drehte Nora den Kopf.

„Weißt du“, sagte sie langsam, „eigentlich schulde ich dir noch was.“

Mia machte den Fehler, zu grinsen. „Du kannst es versuchen.“

Nora warf sich mit einem plötzlichen Schwung auf sie, und sofort ging das Lachen wieder los. Diesmal erwischte sie Mia direkt an den Achseln. Mia kreischte auf, zog die Arme reflexartig nach unten, kam aber zu spät. Nora kannte jetzt ihre Schwächen. Achseln, Bauch, Bauchnabel – und weil sie ausgleichende Gerechtigkeit liebte, arbeitete sie sich nach einer Weile auch zu Mias Füßen vor.

„Nicht auch noch mit Öl!“, rief Mia, als sie die Flasche erneut in Noras Hand sah.

„Doch genau damit.“

„Verräterin.“

„Mitbewohnerin“, korrigierte Nora fröhlich.

Als Nora das Öl über Mias Sohlen verteilte, war sofort klar, dass der Spieß sich endgültig gedreht hatte. Mia lachte so ansteckend, dass Nora selbst immer wieder innehalten musste, nur um mitzulachen. Der Teppich war längst zerwühlt, das Sofa verrutscht, die Teetassen vergessen.

Schließlich sanken beide erschöpft nebeneinander auf den Rücken. Ihre Atemzüge gingen schnell. Draußen rauschte der Regen leiser als zuvor, fast friedlich.

„Wir sind unfassbar kindisch“, murmelte Mia.

„Ja“, sagte Nora. „Aber auf hohem Niveau.“

Mia drehte den Kopf zu ihr. „Nächstes Mal kündigen wir so etwas vorher an.“

„Nächstes Mal?“

Mia schwieg einen Augenblick und grinste dann. „Vielleicht.“

Nora hob langsam eine ölverschmierte Hand. „Frieden?“

Mia schlug ein. „Frieden.“

Kaum berührten sich ihre Hände, krabbelte Nora mit zwei Fingern blitzschnell in Mias Handfläche.

Mia fuhr lachend hoch. „Nora!“

Nora kugelte sich vor Lachen auf die Seite. „Was denn? Letzter Reflex.“

Und während der Regen an die Scheiben klopfte und die WG im warmen Licht lag, ging das Spiel schon wieder von vorn los.

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