Eine Pause auf dem Parkplatz
Der Parkplatz lag halb im Schatten einer Reihe hoher Pappeln. Es war später Nachmittag, die Sonne stand schon tiefer und warf lange, warme Streifen über den Asphalt. Neben einer stillgelegten Landstraße hatte Timo seinen alten Kombi abgestellt, um eine Pause zu machen. Die Luft im Auto war noch warm von der Fahrt, gemischt mit dem Geruch von Polsterstoff, Kaffee aus dem Pappbecher in der Mittelkonsole und einem Hauch von Sommerstaub, der durch die offenen Fenster hereinzog.
Vorne saßen Timo und sein Kumpel Jonas schon seit fast zehn Minuten einfach da und redeten. Eigentlich hatten sie nur kurz anhalten wollen, um sich die Beine zu vertreten. Aber wie so oft bei ihnen war aus fünf Minuten längst mehr geworden. Jonas hatte den rechten Arm locker auf die Rückenlehne gelegt und grinste auf diese ruhige, provokante Art, die Timo inzwischen nur zu gut kannte.
„Ich sag dir“, meinte Jonas und schob sich mit Daumen und Zeigefinger die Sonnenbrille ins Haar, „du hättest die Ausfahrt vorhin niemals erwischt, wenn ich nichts gesagt hätte.“
Timo lehnte sich zurück und schnaubte. „Ich hätte sie locker erwischt.“
„Nie im Leben.“
„Doch.“
„Du warst komplett woanders mit deinen Gedanken.“
„Ich war entspannt.“
„Du warst verpeilt.“
Timo drehte den Kopf zu ihm. „Großer Unterschied.“
Jonas grinste nur breiter. Er war in dieser Stimmung, in der er jedes Wort noch ein wenig weiter treiben musste. Nicht böse, nicht spitz, sondern mit ehrlicher Lust daran, jemanden ein klein wenig zu reizen. Timo kannte das. Und meistens machte er mit.
„Also“, sagte Jonas, „wenn ich ehrlich bin, bin ich gerade ziemlich beeindruckt.“
„Wovon?“
„Dass du gleichzeitig fahren, reden, Kaffee trinken und die Orientierung verlieren kannst.“
Timo lachte kurz durch die Nase. „Pass auf, dass ich dich nicht einfach hier stehen lasse.“
„Mitten auf dem Parkplatz? Dramatisch.“
„Wär verdient.“
Jonas stieß ihm gegen den Oberarm. Nur leicht. Eine harmlose, kumpelhafte Bewegung. Timo gab den Stoß zurück, ein bisschen kräftiger. Jonas rutschte ein Stück gegen die Beifahrertür und hob gespielt empört die Augenbrauen.
„Aha. So also.“
„Selbst schuld.“
„Das eskaliert heute aber schnell.“
„Bei dir immer.“
Ein paar Sekunden lang grinsten sie sich nur an. Dieses kurze Schweigen, in dem keiner nachgab, war zwischen ihnen fast ein eigenes Ritual. Dann hob Jonas beide Hände abwehrend.
„Alles klar. Friedensangebot.“
„Das glaub ich dir keine Sekunde.“
„Zu Recht.“ Jonas beugte sich plötzlich vor und piekste Timo in die Seite.
Timo zuckte sofort weg. „Spinnst du?“
Jonas blinzelte unschuldig. „Was denn?“
„Lass das.“
„War nur ein Test.“
„Für was?“
„Ob du zusammenzuckst.“
Timo sah ihn einen Moment an, dann musste er grinsen. „Sehr witzig.“
„War’s auch.“
Jonas setzte noch einen zweiten Piekser hinterher, diesmal höher an den Rippen. Timo riss den Arm runter und fing Jonas’ Handgelenk ab.
„Noch einmal“, sagte er ruhig, „und du hast ein Problem.“
Jonas sah auf Timos Griff, dann wieder in sein Gesicht. „Das klingt fast wie eine Einladung.“
„Das ist eine Warnung.“
„Feiner Unterschied.“
Timo ließ sein Handgelenk los. Dabei glitt sein Blick kurz über Jonas’ T-Shirt, das unter den Armen leicht dunkel von der Wärme geworden war. Jonas bemerkte den Blick und grinste schief.
„Wieso schaust du so?“
„Ich überlege nur.“
„Das ist bei dir meistens gefährlich.“
„Bei dir auch.“
Timo ließ die Finger spielerisch an Jonas’ Seite entlangzucken. Nicht ganz ein Kitzeln, eher ein angedeuteter Angriff. Jonas ruckte sofort zur Seite und stieß ein kurzes, verräterisches Lachen aus.
Stille.
Timo drehte langsam den Kopf. „Aha.“
Jonas verzog den Mund. „Nein.“
„Doch.“
„Das war nichts.“
„Das war sehr deutlich was.“
Jonas schüttelte sofort den Kopf. „Vergiss es. Kein Thema.“
Timo legte die Hand auf das Lenkrad, sah aber weiter nur ihn an. „Du bist kitzlig.“
„Bin ich nicht.“
„Gerade eben klang anders.“
„Weil du mich überrascht hast.“
„Mhm.“
Jonas verschränkte die Arme vor der Brust. „Mach da nicht so ein Gesicht.“
„Welches Gesicht?“
„Dieses ‚ich hab was herausgefunden‘-Gesicht.“
Timo grinste jetzt offen. „Zu spät.“
Jonas stieß hörbar Luft aus. „Ganz schlechte Idee.“
„Findest du?“
„Ja.“
„Ich nicht.“
Jonas richtete sich ein Stück auf. Seine Stimme wurde ruhiger. „Nur damit wir uns richtig verstehen: Wenn das in so eine dumme Kitzelnummer kippt, dann nur, wenn wir beide das wirklich wollen.“
Timo hielt seinen Blick. Dann nickte er knapp. „Klar.“
„Kein albernes Überrumpeln, kein Mist.“
„Einverstanden.“
Jonas sah ihn noch einen Moment prüfend an und lehnte sich dann wieder zurück. „Gut.“
Eigentlich hätte es damit erledigt sein können. Aber es lag jetzt etwas in der Luft, das vorher nicht da gewesen war. Nicht peinlich. Nicht schwer. Eher gespannt. Ein spielerischer Faden zwischen ihnen, an dem beide zogen, ohne ihn reißen zu lassen.
Timo öffnete das Handschuhfach, kramte kurz darin und zog ein dünnes Sporthandtuch hervor. Dazu kam ein zweites aus der Tasche hinter seinem Sitz. Jonas sah zu und hob langsam die Brauen.
„Du bist erstaunlich gut ausgerüstet.“
„Für lange Fahrten.“
„Natürlich.“
Timo musterte ihn. „Letzte Chance.“
Jonas lachte leise. „Du klingst, als würdest du eine Vernehmung ankündigen.“
„Vielleicht.“
„Und was genau ist dein Plan?“
„Erst mal rausfinden, wie groß dein Mundwerk noch ist, wenn du nicht zappelfrei bist.“
Jonas ließ den Kopf an die Lehne sinken. Dann grinste er. „Na schön. Aber nur, wenn wir danach tauschen können.“
„Darüber reden wir später.“
„Feigling.“
„Arme nach hinten.“
Jonas zögerte nur kurz. Dann drehte er sich halb zur Seite und nahm die Arme hinter den Rücken. Timo beugte sich hinüber, band mit dem ersten Handtuch seine Handgelenke fest genug, dass Jonas sie nicht einfach auseinanderziehen konnte, aber locker genug, dass nichts einschnitt. Er prüfte den Knoten zweimal. Jonas zog testweise daran und nickte.
„Sitzt.“
„Soll es auch.“
„Du nimmst das auffällig ernst.“
„Du redest auffällig viel.“
Jonas schnaubte. „Noch.“
Dann nahm Timo das zweite Handtuch und führte es um Jonas’ Knöchel. Im engen Fußraum des Wagens war das etwas fummelig, aber gerade das machte die Situation seltsam intensiv. Jonas saß halb schräg auf dem Beifahrersitz, die Knie leicht angewinkelt, die Schultern gegen die Lehne gedrückt. Als Timo fertig war, konnte Jonas die Beine noch bewegen, aber nicht mehr weit genug wegziehen, um sich wirklich zu entziehen.
„Zufrieden?“, fragte Jonas.
Timo lehnte sich wieder auf seinen Sitz und betrachtete ihn kurz. „Sehr.“
„Du grinst wie ein Idiot.“
„Weil du gerade komplett ausgeliefert aussiehst.“
Jonas lachte kurz. „Große Worte von einem Mann mit null Selbstkontrolle.“
Timo hob nur die Hand und ließ die Finger in der Luft kreisen, als würde er noch wählen, wo er anfangen sollte. Genau das reichte, um Jonas sichtbar wachsamer zu machen. Seine Schultern spannten sich an. Der Blick sprang zwischen Timos Gesicht und dessen Händen hin und her.
„Nicht starren“, murmelte Jonas.
„Warum?“
„Weil das schlimmer ist.“
„Interessant.“
Timo hob langsam die Hand und legte sie seitlich an Jonas’ Oberkörper. Noch kein Kitzeln. Nur Kontakt. Durch den dünnen Stoff des T-Shirts spürte er, wie angespannt Jonas schon war. Dann glitt seine Hand höher, unter den Ärmel, bis an die warme, empfindliche Stelle unter dem Arm.
Jonas biss sofort die Zähne zusammen. „Timo.“
„Ja?“
„Mach keinen Unsinn.“
„Zu spät.“
Mit zwei Fingern begann er, Jonas unter der Achsel leicht zu kitzeln. Erst nur tastend, fast vorsichtig. Doch schon die ersten kleinen Bewegungen reichten. Jonas riss den Oberkörper nach hinten, presste die Oberarme reflexhaft an den Körper und stieß ein überraschend helles Lachen aus, das ihm sofort sichtbar peinlich war.
„Nein“, brachte er hervor. „Nicht da. Ernsthaft, nicht da.“
Timo musste lachen. „Das ist ja noch besser als gedacht.“
„Freu dich nicht zu früh.“
„Ich freu mich genau richtig.“
Er arbeitete mit den Fingern tiefer in die Achsel hinein, mal kreisend, mal flatternd, mal nur mit den Spitzen über die Haut huschend. Jonas hielt erstaunlich lange dagegen, aber das half kaum. Sein Kopf fiel gegen die Scheibe, seine Schultern zuckten, und immer wieder brach dieses unkontrollierte Lachen aus ihm heraus, sobald Timo eine besonders empfindliche Stelle traf.
„Du bist unfassbar“, japste Jonas und rang nach Luft. „Wie kann ein Mensch so zufrieden aussehen?“
„Weil du seit zehn Minuten provozierst.“
„Das hier ist völlig überzogen.“
„Noch gar nicht.“
Timo wechselte die Seite. Kaum glitten seine Finger unter Jonas’ anderen Arm, verlor der endgültig die Fassung. Er lachte jetzt offen, wand sich auf dem Sitz und versuchte verzweifelt, die Schultern hochzuziehen, obwohl es kaum half.
„Timo! Nein! Das ist die schlimmere Seite!“
„Gut zu wissen.“
„Das war keine Information für dich!“
Timo zog die Finger blitzschnell wieder zurück und ließ Jonas drei Atemzüge. Nur drei. Jonas hing keuchend in den Gurten aus Stoff, die Schultern gerötet, die Haare zerzaust und das Grinsen halb erstickt zwischen Empörung und Erschöpfung.
„Schon fertig?“, fragte Timo.
Jonas hob schwer atmend den Kopf. „Träum weiter.“
„Dann kommen wir zu den Füßen.“
Sofort veränderte sich etwas in Jonas’ Gesicht. Nicht Angst. Eher blankes Misstrauen. „Nein.“
„Doch.“
„Nein. Achseln waren schon schlimm genug.“
„Genau deswegen.“
Timo beugte sich in den Fußraum, zog Jonas den rechten Sneaker aus und dann den linken. Die Socken folgten direkt. Jonas versuchte, die Zehen einzuziehen, und genau das bestätigte Timo alles, was er wissen musste.
„Auch noch so“, murmelte er zufrieden.
„Halt einfach den Mund.“
„Sehr unfreundlich für jemanden in deiner Lage.“
Er fuhr mit einem Finger die Sohle entlang. Nur einmal. Jonas’ Reaktion war heftig genug, dass sein ganzer Oberkörper zuckte. Ein scharfes Lachen brach aus ihm heraus, seine Beine rissen an dem Handtuch, und er warf den Kopf gegen die Kopfstütze.
„Nein! Auf gar keinen Fall!“
„Auf jeden Fall.“
Mit beiden Händen begann Timo nun richtig. Seine Finger krabbelten über die Fußsohlen, wanderten zu den Ballen, strichen unter die Zehen und zurück zur Mitte. Jonas war sofort verloren. Die Enge des Autos machte jede Bewegung hektisch und wirkungslos. Er konnte die Füße nur begrenzt wegziehen, und genau das machte jede Berührung intensiver.
„Ich hasse dich!“, lachte er.
„Nein.“
„In diesem Moment sehr!“
„Nur, weil du kitzlig bist.“
„Nur? Das ist die Hölle!“
Timo legte noch eine Runde nach, dann hielt er inne und griff nach der kleinen Bürste aus der Seitentasche der Fahrertür. Eigentlich war es nur eine schlichte Fusselbürste mit festem Griff und weichen Borsten. Nichts Besonderes. Aber als Jonas sie sah, stöhnte er schon auf.
„Nein. Timo, nein. Nicht mit dem Ding.“
„Wieso?“
„Weil ich genau weiß, wie sich das anfühlen wird.“
„Dann sind wir beide bestens vorbereitet.“
Er setzte die Bürste erst ganz leicht an Jonas’ rechte Sohle. Ein langsamer Zug von der Ferse bis zum Ballen. Jonas schoss augenblicklich nach oben, so weit es ging, und brach in ein Lachen aus, das fast schon atemlos klang.
„Nein! Nein, nein, nein!“
Timo zog die Bürste diesmal quer über die Mitte der Sohle, dann in kleinen schnellen Strichen unter die Zehen. Jonas war verloren. Er lachte jetzt ohne Pause, rang nach Luft, versuchte die Beine zusammenzuziehen und schaffte es doch kaum, den Bewegungen auszuweichen.
„Du Mistkerl!“, brachte er hervor.
„Korrekt.“
„Ich schwöre dir, wir tauschen wirklich noch!“
„Jetzt klingt das plötzlich ernst.“
Timo nahm den anderen Fuß dazu. Mal arbeitete er mit der Bürste über die eine Sohle, mal mit der freien Hand über die andere. Dann wechselte er blitzschnell. Die Kombination war zu viel. Jonas wand sich auf dem Sitz, die Wangen hochrot, Tränen des Lachens in den Augen, völlig außerstande, noch etwas Bedrohliches oder Schlagfertiges zu formulieren.
„Pause!“, keuchte er schließlich. „Echte Pause!“
Timo hörte sofort auf.
Im Auto wurde es schlagartig still. Nur Jonas’ schwerer Atem füllte den Raum. Draußen rauschte irgendwo ein Auto vorbei. Sonst nichts.
Timo legte die Bürste weg und sah zu ihm hinüber. „Alles gut?“
Jonas nickte nach ein paar Sekunden. „Ja. Total. Aber du bist ein Sadist.“
„Du hast zugestimmt.“
„Leider.“
Timo beugte sich rüber und löste erst die Fesseln an den Knöcheln, dann an den Handgelenken. Jonas rieb sich die Hände, streckte die Beine aus und lehnte den Kopf zurück.
„Das war schlimmer als gedacht“, murmelte er.
„Aber?“
Jonas drehte langsam den Kopf und grinste plötzlich wieder. „Aber jetzt bin ich dran.“
Timo setzte sich aufrechter hin. „Ach ja?“
Jonas griff ohne Eile nach der Bürste auf der Mittelkonsole, wog sie kurz in der Hand und lächelte so unschuldig, dass es nur gefährlich sein konnte.
„Oh ja.“
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