Ein prickelnder Nachmittag im Garten
Der Garten hinter dem Haus lag in goldenem Nachmittagslicht. Die Sonne stand schon etwas tiefer, aber sie hatte noch genug Kraft, um die Steinplatten der Terrasse aufzuwärmen und den Duft von Lavendel, frisch gemähtem Gras und Rosen in der Luft schweben zu lassen. In einer Ecke summten träge ein paar Bienen über die Blüten, irgendwo plätscherte leise ein kleiner Springbrunnen, und aus dem offenen Küchenfenster drang das Klappern von Geschirr nach draußen.
Felix saß auf einer gepolsterten Gartenbank unter dem Sonnenschirm und streckte die Beine von sich. Er war Anfang zwanzig, schlank, sportlich und gerade erst mit seiner Freundin zum Haus ihrer Mutter gefahren, um beim Aufbau für ein Familienfest am nächsten Tag zu helfen. Seine Freundin war inzwischen mit einer Einkaufsliste ins Dorf gefahren, weil natürlich doch noch irgendetwas fehlte. Und so war er allein mit ihrer Mutter im Garten geblieben.
Sabine trug ein luftiges Sommerkleid, dazu Sandalen und ihr braunes Haar locker hochgesteckt. Sie war eine attraktive Frau mit einer ruhigen, selbstbewussten Art, die es schaffte, zugleich gelassen und leicht gefährlich zu wirken, sobald sie sich über etwas amüsierte. Im Moment stand sie am Gartentisch und sortierte Besteck in kleine Kisten, wobei sie Felix immer wieder einen Blick zuwarf.
„Du siehst erschöpft aus“, sagte sie schließlich, ohne aufzusehen.
Felix grinste. „Ich habe auch schon schwer gearbeitet.“
Sabine hob eine Augenbraue. „Drei Klappstühle getragen und eine Lichterkette entwirrt? Held des Tages.“
„Das war körperlich und psychisch fordernd.“
Jetzt lachte sie leise. „Natürlich.“
Felix mochte Sabine. Schon beim ersten Treffen hatte sie ihn nicht wie einen Fremden behandelt, sondern wie jemanden, den sie sofort durchschaut hatte. Sie war direkt, charmant und oft einen Tick zu schlagfertig. Und heute, allein mit ihr in diesem ruhigen Garten, merkte er wieder, dass es fast unmöglich war, bei ihr das letzte Wort zu behalten.
„Soll ich noch irgendwas machen?“, fragte er und ließ den Kopf gegen das Polster sinken.
Sabine drehte sich zu ihm um. „Du könntest aufhören, so theatralisch zu seufzen. Das wäre ein Anfang.“
„Ich seufze nicht theatralisch. Ich erhole mich.“
„Mhm.“
Sie kam ein paar Schritte näher und blieb vor der Gartenbank stehen. „Weißt du, woran du mich gerade erinnerst?“
„An einen fleißigen jungen Mann?“
„An einen übergroßen Kater in der Sonne.“
Felix musste lachen. „Das nehme ich als Kompliment.“
„War auch eins. Ein leicht spöttisches, aber immerhin.“
Er hob die Hände. „Von dir nehme ich fast alles als Kompliment.“
„Fast?“
„Kommt auf den Tonfall an.“
Sabine musterte ihn einen Moment, dann setzte sie sich neben ihn auf die Bank. Nicht direkt an ihn gekuschelt, aber nah genug, dass er ihren feinen Duft nach Sonnencreme und etwas Blumigem wahrnahm. Sie lehnte sich zurĂĽck, schlug ein Bein ĂĽber das andere und sah in den Garten.
„Es ist angenehm still, wenn man mal niemanden um sich hat, der dauernd redet“, sagte sie.
Felix drehte den Kopf zu ihr. „Das war jetzt eindeutig gegen deine Tochter.“
„Unter anderem.“
„Gemein.“
„Realistisch.“
Er lachte und stieß leicht mit dem Ellenbogen gegen ihren Oberarm. „Du bist heute erstaunlich frech.“
Sabine sah auf seinen Ellenbogen, dann wieder in sein Gesicht. „Heute?“
„Stimmt. Immer.“
„Gut, dass du lernfähig bist.“
Ein paar Sekunden schwiegen sie. Ein Vogel flatterte durchs Gebüsch, und irgendwo in der Nachbarschaft klapperte ein Gartentor. Felix streckte sich genüsslich, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und zog die Schultern zurück. Sein T-Shirt spannte sich über der Brust und rutschte an den Seiten ein wenig hoch.
Sabine bemerkte es sofort.
„Na“, sagte sie mit ruhiger Stimme, „du machst es einem aber leicht.“
Felix blinzelte. „Womit?“
„Dich zu ärgern.“
„Ich wusste, dass da was kommt.“
„Zu Recht.“
Ohne weitere Warnung piekste sie ihn mit zwei Fingern in die Seite.
Felix zuckte heftig zusammen. „Hey!“
Sabine lächelte, ganz unschuldig. „Was denn?“
„Das war unfair.“
„Wieso?“
„Weil ich nicht vorbereitet war.“
„Dann war es offenbar effektiv.“
Er richtete sich auf und rieb sich über die Seite. „Das war ein billiger Trick.“
„Und trotzdem erfolgreich.“
Sie sah ihn dabei so amĂĽsiert an, dass Felix sofort klar war, dass sie genau auf diese Reaktion gehofft hatte. Also machte er den Fehler, den man in solchen Momenten besser nicht machte: Er versuchte, cool zu bleiben.
„Davon zucke ich nicht mal richtig“, behauptete er.
Sabine drehte den Oberkörper etwas zu ihm. „Nein?“
„Nein.“
„Du lügst schlecht.“
„Gar nicht.“
Mit derselben Ruhe wie eben hob sie wieder die Hand und kitzelte ihn diesmal nicht nur kurz in die Seite, sondern lieĂź ihre Finger ein paar Sekunden an seinen Rippen arbeiten, schnell und leicht.
Felix brach sofort in Lachen aus und riss die Arme herunter. „Sabine!“
Sie zog die Hand zurück, als wäre nichts gewesen. „Oh. Dann also doch.“
Felix schüttelte grinsend den Kopf. „Das zählt nicht.“
„Natürlich zählt das.“
„Du hast mich überrascht.“
„Diese Ausrede wird schnell langweilig.“
Sie wartete nicht einmal auf seine Antwort. Stattdessen legte sie die Fingerspitzen erneut an seine Seite und arbeitete sich jetzt langsam ein Stück höher. Felix versuchte, sich wegzudrehen, aber auf der Gartenbank war der Platz begrenzt. Schon nach wenigen Sekunden lachte er wieder, krümmte sich halb zur Seite und versuchte, ihr Handgelenk festzuhalten.
„Nein, nein, hör auf“, japste er.
Sabine entzog ihm geschickt die Hand. „Du bist ja empfindlicher, als ich dachte.“
„Nur da.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Ist aber so.“
„Felix.“
„Ja?“
„Du klingst gerade überhaupt nicht überzeugend.“
Er schnaubte lachend und rückte ein Stück weg. Sabine ließ ihm diese kleine Fluchtbewegung, aber nur, weil sie längst gesehen hatte, wie schnell er reagierte. Ihre Augen funkelten jetzt auf diese ruhige, gefährliche Art, die verriet, dass sie Gefallen an dem Spiel gefunden hatte.
„Also gut“, sagte sie. „Dann probieren wir etwas anderes.“
„Wir probieren gar nichts.“
„Ach nein?“
„Nein.“
Sabine hob nur eine Augenbraue und streckte langsam die Hand nach ihm aus. Diesmal nicht zu seiner Seite, sondern nach oben, hinter seinen Kopf. Ihre Fingerspitzen glitten ganz leicht ĂĽber seinen Nacken.
Felix erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Dann fuhr ihm ein sichtbarer Schauer durch den Körper. Er zog den Kopf ein, lachte überrascht auf und schlug reflexhaft eine Hand an den Hals. „Nein! Auf keinen Fall!“
Sabine lachte leise. „Oh, das ist gut.“
„Sabine, bitte nicht der Nacken.“
„Wieso?“
„Weil das furchtbar ist.“
„Für mich klingt das eher vielversprechend.“
Sie strich wieder über seinen Nacken, diesmal langsamer, mit zwei Fingern, die in kleinen Bögen über die empfindliche Haut wanderten. Felix machte sich sofort klein, zog die Schultern hoch und versuchte, seinen Kopf wegzudrehen, als könnte er seiner eigenen Reaktion entkommen. Das Lachen kam nun schneller, unkontrollierter, immer wieder unterbrochen von kurzen, atemlosen Protesten.
„Nein—wirklich—nicht da—“
„Da also ganz besonders“, stellte Sabine zufrieden fest.
Sie nutzte erst ihre Fingerspitzen, dann die flache Hand, deren sanfte Berührungen an seinem Nacken fast noch schlimmer waren, weil sie ihn ständig in gespannter Erwartung hielten. Felix lachte, duckte sich, drehte den Kopf hin und her und sah dabei gleichzeitig völlig hilflos und ehrlich amüsiert aus.
„Du genießt das viel zu sehr“, brachte er hervor.
„Ja“, sagte sie gelassen. „Das tue ich.“
„Das ist verräterisch ehrlich.“
„Ich bin selten etwas anderes.“
Felix versuchte aufzustehen, doch Sabine war schneller. Sie legte ihm eine Hand gegen die Brust und drĂĽckte ihn zurĂĽck auf die Polsterbank. Nicht hart, nur bestimmt genug, dass aus dem Aufstehen nichts wurde.
„Bleib sitzen“, sagte sie.
Es war keine scharfe Anweisung. Eher ein ruhiger Satz, gerade deshalb wirksam. Felix sank zurück und lachte schon wieder, als ihre Finger zu seiner Seite zurückkehrten. Rechte Seite, linke Seite, kurze kleine Stöße an den Rippen. Dann wieder der Nacken. Es war dieses Wechselspiel, das ihn zunehmend aus dem Konzept brachte. Jedes Mal, wenn er sich auf eine Stelle einstellte, griff sie die andere an.
„Du bist unmöglich“, keuchte er.
„Und du zappelst erstaunlich viel.“
„Weil du mich kitzelst!“
„Korrekt.“
Nach einer weiteren kurzen Runde zog Sabine die Hände zurück und stand auf. Felix atmete auf, lehnte sich zurück und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Seine Wangen waren gerötet, und sein T-Shirt saß inzwischen leicht schief.
„Endlich vernünftig“, murmelte er.
Sabine sagte nichts. Sie ging stattdessen zum Gartentisch, griff nach einer kleinen Deko-Feder, die zwischen den Servietten und Blumenringen gelegen hatte, und drehte sich damit wieder zu ihm um.
Felix sah das sofort. „Nein.“
„Was nein?“
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch.“
Sie kam langsam zurück, die Feder locker zwischen den Fingern, und setzte sich diesmal so auf die Bank, dass sie sich halb zu ihm drehen konnte. „Schuhe aus.“
Felix blinzelte. „Bitte?“
„Du hast mich schon verstanden.“
„Warum sollte ich das tun?“
Sabine lächelte nur. „Weil du neugierig bist.“
Er hätte widersprechen können. Stattdessen sah er sie einen Moment an, seufzte dramatisch und zog seine Sneaker aus. Dann schob er die Füße wieder auf die Bank und blieb mit den Socken an, als wäre das eine brauchbare Verteidigung.
Sabine sah an ihm hinunter. „Die Socken bleiben nicht lange.“
„Vielleicht doch.“
„Sicher nicht.“
Sie griff nach seinem rechten Knöchel und zog ihn näher. Felix lachte schon nervös, bevor überhaupt etwas geschah. Sabine strich mit der Feder einmal über den Stoff seiner Socke, mitten über die Sohle.
Felix ruckte so heftig zusammen, dass beinahe sein ganzer Körper von der Bank sprang. „Nein! Sabine!“
„Mit Socken schon so?“
„Das zählt nicht! Das ist gemein!“
„Das klang eben noch anders.“
Ganz ruhig rollte sie die Socke von seinem Fuß. Dann die andere. Felix versuchte, die Zehen einzurollen und die Füße zurückzuziehen, aber Sabine hielt einen Knöchel locker fest und hatte längst gemerkt, dass schon diese kleine Bewegung ihn verriet.
„Na sieh mal einer an“, sagte sie. „Sehr empfindlich.“
„Sabine, bitte.“
„Bitte was?“
„Nicht die Füße.“
„Das ist keine klare Bitte.“
Sie setzte die Feder an seiner nackten Sohle an und zog sie langsam von der Ferse bis unter die Zehen. Felix brach sofort in schallendes Lachen aus. Seine Hände krallten sich in das Polster, seine Schultern zuckten, und der freie Fuß trat wild in die Luft.
„Nein! Nein, das geht gar nicht!“
Sabine musste selbst lachen, blieb aber gnadenlos bei der Sache. Die Feder wanderte in kleinen, kaum spürbaren Strichen über seine Sohle, zwischen die Zehen, zurück über das Fußgewölbe. Jedes Mal reagierte Felix, als hätte sie ihn an einen Stromkreis angeschlossen.
„Du meine Güte“, sagte Sabine belustigt. „Das ist ja verheerend.“
„Weil das eine Feder ist!“, keuchte er. „Das ist viel schlimmer als Hände!“
„Gut zu wissen.“
„Das war keine Einladung!“
Mit der anderen Hand begann sie nun, seine freie Fußsohle mit den Fingern leicht zu kitzeln, während die Feder den ersten Fuß weiter bearbeitete. Diese Kombination war zu viel. Felix lachte jetzt beinahe ohne Unterbrechung, warf sich halb auf die Seite, versuchte beide Füße gleichzeitig wegzuziehen und scheiterte natürlich daran, weil Sabine ruhig, kontrolliert und erstaunlich geschickt blieb.
„Sabine! Ich kann nicht mehr!“
„Noch kannst du sehr gut.“
„Das ist grausam!“
„Ach was. Das ist nur ein bisschen Gartenunterhaltung.“
Die Sonne war inzwischen ein wenig tiefer gesunken, und das Licht fiel jetzt warm durch die Blätter auf die Terrasse, während Felix völlig die Würde verlor und Sabine ihn mit einer Mischung aus Charme und unverschämter Gelassenheit weiter durchkitzelte. Mal nahm sie nur die Hand, krabbelte mit den Fingern über seine Seiten, wenn er gerade glaubte, eine Pause zu bekommen. Dann wieder strich sie ihm überraschend mit der Feder über den Nacken, was ihn sofort wieder zusammenfahren ließ. Schließlich kehrte sie zu den Füßen zurück, die mit Abstand seine größte Schwachstelle waren.
Er lachte Tränen, japste nach Luft und versuchte zwischen zwei Lachanfällen, irgendeine Form von Verhandlung zu beginnen. „Ich helfe dir morgen bei allem—beim ganzen Fest—wirklich—nur hör auf mit der Feder!“
Sabine sah ihn mit gespielter Nachdenklichkeit an, während die Feder noch leicht unter seinen Zehen kreiste. „Bestechung also?“
„Ja! Sofort! Jederzeit!“
„Klingt verlockend.“
Sie lieĂź endlich von ihm ab.
Sofort zog Felix beide Füße an, setzte sich auf und fuhr sich völlig atemlos mit den Händen durchs Gesicht. Seine Haare standen halb durcheinander, sein T-Shirt war verrutscht, und er sah aus, als hätte er gerade einen kleinen Sturm überlebt.
Sabine legte die Feder auf den Tisch zurück und rückte ihr Kleid glatt. „Das war ausgesprochen amüsant.“
Felix sah sie ungläubig an und musste dann, trotz allem, wieder lachen. „Du bist gefährlicher, als ich dachte.“
„Das hättest du früher merken können.“
„Deine Tochter hat mich nicht gewarnt.“
Sabine stand auf, nahm die Kiste mit dem Besteck wieder in die Hand und warf ihm über die Schulter einen letzten Blick zu. „Vielleicht wollte sie, dass du es selbst herausfindest.“
Felix schüttelte grinsend den Kopf, zog seine Socken wieder an und sah ihr nach, während sie zur Terrasse zurückging. Der Garten war wieder ruhig, die Bienen summten, der Brunnen plätscherte, und über allem lag immer noch die träge Wärme des Nachmittags.
Nur Felix’ Nacken kribbelte noch lange nach. Und bei jedem Blick auf die kleine Feder auf dem Tisch wurde ihm klar, dass er in Zukunft sehr genau darauf achten würde, wie unschuldig Sabine gerade lächelte.
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