Ein verregneter Abend im Hotelzimmer

✍️ Julia
"Im Urlaub wird aus einem harmlosen Neckspiel im Hotelzimmer ein langes, fieses Kitzelduell mit klaren Regeln und sehr empfindlichen Füßen."
Orte:
Gefesselt:Nein

Der Regen trommelte seit einer halben Stunde gegen die breite Fensterscheibe des Hotelzimmers. Draußen verschwamm die Promenade unter grauen Schlieren, drinnen roch es nach frischer Bettwäsche, Duschgel und dem Kaffee, den Mara vorhin aus dem Automaten in der Lobby mitgebracht hatte. Die Klimaanlage summte leise. Das Licht der Nachttischlampe war warm und weich. Eigentlich hätte dieser Abend ruhig sein sollen.

Mara saß im Schneidersitz auf dem Bett, trug nur ein lockeres T-Shirt und eine kurze Schlafhose und blätterte lustlos durch das Programm auf dem Fernseher. Nichts fesselte sie länger als zehn Sekunden. Neben dem Bett lag ihre offene Reisetasche, halb ausgepackt, mit einem Notizbuch, Sonnencreme und einem Kugelschreiber, der zwischen ein paar zerknitterten Prospekten hervorlugte.

„Du siehst aus, als wärst du persönlich vom Wetter beleidigt worden“, sagte Jonas von der Tür her.

Er kam gerade aus dem Bad, die Haare noch leicht feucht, ein dunkles Shirt an, dazu eine Jogginghose. In einer Hand hielt er ein kleines Nervenrad, das er am Nachmittag grinsend an einem Souvenirstand gekauft hatte, nur weil er behauptet hatte, so etwas „könne man immer mal gebrauchen“. Schon da hatte Mara ihm einen misstrauischen Blick zugeworfen.

Sie hob den Kopf und schnaubte. „Es ist unser dritter Urlaubstag, und heute regnet es durch. Natürlich bin ich beleidigt.“

Jonas grinste. „Du könntest Karten spielen.“

„Allein?“

„Mit mir.“

„Du betrügst.“

„Nur kreativ.“

Mara warf ihm ein Kissen entgegen. Er fing es mühelos auf, ließ es auf den Sessel fallen und kam näher. Zwischen ihnen herrschte diese vertraute, leicht aufgeladene Spannung, die es nur gab, weil sie einander so gut kannten. Stiefgeschwister hin oder her, sie waren zusammen aufgewachsen, hatten sich jahrelang geneckt, gestritten, verbündet und wieder provoziert. Und seit einer Weile war da etwas Neues zwischen ihnen: ein bewusstes Spiel mit Nähe, Blicken und Grenzen. Nichts lief ohne Absprache. Gerade deshalb konnte Jonas sich erlauben, so fies zu grinsen.

„Du hast diesen Blick“, sagte Mara und legte die Fernbedienung weg.

„Welchen Blick?“

„Den Blick, der Ärger bedeutet.“

Er setzte sich neben sie aufs Bett. „Vielleicht nur ein bisschen.“

Sie zog eine Braue hoch. „Jonas.“

Er beugte sich leicht zu ihr. „Frage. Rein hypothetisch.“

„Das wird immer schlimm.“

„Wenn ich dich jetzt kitzeln würde – rein hypothetisch –, wo würdest du es am wenigsten schlimm finden?“

Mara lachte kurz auf. „Nett versucht.“

„Also doch schlimm.“

„Du weißt genau, dass ich empfindlich bin.“

„Ich weiß, dass du an den Seiten zusammenzuckst.“

„Und das reicht als Information.“

Jonas ließ seine Finger locker auf der Matratze ruhen. „Und der Rest? Bauch? Bauchnabel? Füße?“

Bei dem letzten Wort sah er ihr genau an, wie ihre Zehen sich unwillkürlich in der Bettdecke krümmten. Mara bemerkte seinen Blick zu spät. Schon breitete sich dieses triumphierende Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Aha“, murmelte er.

„Vergiss es.“

„Mara.“

„Nein.“

„Mara“, wiederholte er ruhig, „du weißt, wie das läuft. Nur wenn du willst.“

Sie sah ihn einen Moment lang an. Dann seufzte sie, als wäre sie genervt, obwohl das leichte Kribbeln in ihrem Bauch etwas anderes verriet. „Nur wenn du dich an die Regeln hältst.“

Sofort wurde er ernst genug, um zu zeigen, dass er das nicht als Witz verstand. „Klar. Du sagst jederzeit Stopp, und dann ist Schluss. Kein Diskutieren.“

„Und keine Fesseln.“

„Einverstanden.“

„Und keine ewig langen Pausen, in denen du nur drohst, nur um mich wahnsinnig zu machen.“

Jetzt lachte er leise. „Das ist gemein. Das ist eine meiner besten Fähigkeiten.“

„Jonas.“

„Gut. Keine langen Folterpausen.“

Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. „Und nur hier im Zimmer. Nichts draußen, nichts später beim Frühstück.“

Er hob die Hand wie bei einem Eid. „Versprochen.“

Mara wusste selbst nicht genau, warum sie nickte. Vielleicht wegen des Wetters. Vielleicht wegen der vertrauten Spannung. Vielleicht, weil Jonas in solchen Momenten ein echter Fiesling war, aber eben einer, der auf jedes Zucken achtete und jede Grenze ernst nahm.

„Na schön“, sagte sie. „Aber ich warne dich. Wenn du übertreibst, schreie ich so laut, dass die Rezeption anruft.“

„Das nehme ich in Kauf.“

Kaum hatte er den Satz beendet, schnellten seine Hände nach vorn. Er packte sie nicht grob, sondern entschlossen genug, um sie rücklings in die Kissen sinken zu lassen. Mara prustete schon los, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Allein die Erwartung reichte.

„Jonas!“

„Was denn? Ich habe noch gar nichts gemacht.“

„Du bist unerträglich.“

„Stimmt.“

Seine Finger fanden zuerst ihre Seiten. Nur kurz. Nur zwei schnelle, präzise Bewegungen direkt über den Rippen. Mara fuhr zusammen, riss die Arme an den Körper und lachte sofort hell auf. Sie versuchte, sich zur Seite zu rollen, aber Jonas fing sie mit einem Knie auf der Matratze ab und hielt sie in Position, ohne ihr Gewicht wirklich auf sie zu legen.

„Da bist du also wirklich empfindlich“, sagte er zufrieden.

„Das wusstest du schon!“

„Ich höre es trotzdem gern bestätigt.“

Er ließ seine Fingerspitzen wieder an ihren Seiten entlangkrabbeln, mal höher, mal tiefer, in kleinen unberechenbaren Bögen. Mara wand sich unter ihm, versuchte seine Hände wegzuschieben, stieß gegen seine Schultern und lachte immer lauter. Ihr T-Shirt war verrutscht, und ein schmaler Streifen Bauch lag frei.

Jonas bemerkte das sofort.

„Oh“, sagte er gedehnt. „Freie Bahn.“

„Nein, Jonas, nein—“

Zu spät. Seine rechte Hand glitt über ihren Bauch, leicht und kribbelnd, während die linke weiter eine ihrer Seiten bearbeitete. Mara zuckte so heftig, dass das Bett unter ihnen knarrte. Ein heller Lachstoß schoss aus ihr heraus. Sie versuchte, die Bauchmuskeln anzuspannen, doch genau das machte sie noch empfindlicher.

„Nicht der Bauch!“, japste sie.

„Interessant. Also doch der Bauch.“

Seine Finger zeichneten kleine Kreise um ihren Nabel. Nicht direkt hinein, erst nur darum herum. Diese langsame Annäherung war fast schlimmer als jede schnelle Attacke. Mara schlug die Hände vor das Gesicht, lachte, rang nach Luft und schüttelte heftig den Kopf.

„Du bist so fies“, brachte sie hervor.

„Ich weiß.“

Dann glitt eine Fingerspitze direkt in die kleine Mulde ihres Bauchnabels.

Mara kreischte auf und zog die Beine an. Ihr ganzer Oberkörper spannte sich, und sie bog sich halb vom Bett hoch, nur um Jonas’ Hand zu entkommen. Er lachte jetzt offen, nicht laut, eher mit diesem selbstgefälligen Vergnügen, das sie gleichzeitig wahnsinnig machte und weiter anstachelte.

„Jonas! Bitte!“

„Bitte was?“

„Nicht da!“

„Dann sag mir eine bessere Stelle.“

Sie sah ihn durch zusammengekniffene Augen an. „Du bekommst doch keine Tipps.“

„Dann muss ich eben weiterforschen.“

Er tat es. Er wechselte zwischen ihren Seiten, dem flachen Bauch und dem empfindlichen Punkt direkt am Bauchnabel, immer gerade lang genug, um sie in eine neue Lachwelle zu treiben. Mara war längst rot im Gesicht, ihre Haare klebten ihr an den Wangen, und jedes Mal, wenn sie glaubte, er lasse nach, setzte er an einer anderen Stelle wieder an.

Schließlich hob er den Blick und sah auf ihre Füße.

Mara folgte seinem Blick sofort. „Nein.“

Jonas sagte nichts. Das war schlimmer.

„Jonas“, wiederholte sie warnend, schon mit einem Lachen in der Stimme, „nein.“

Er griff nach ihrem linken Knöchel und zog sie ein Stück näher ans Fußende des Bettes. Mara stemmte sich mit den Ellenbogen hoch. „Meine Füße sind tabu.“

„Das ist merkwürdig“, sagte er ruhig. „Ich erinnere mich nicht an diese Regel.“

„Dann füge ich sie jetzt hinzu.“

„Zu spät.“

Sie trug dünne Hotelsöckchen, schlicht weiß, eigentlich nur, weil der Boden kühl war. Jonas strich erst nur über den Stoff, langsam von der Ferse bis zu den Zehen. Mara zuckte schon davon, als hätte er sie direkt auf der Haut berührt.

„Oh nein“, murmelte er zufrieden. „Die sind ja wirklich sehr empfindlich.“

„Jonas, bitte, nicht die Füße.“ Jetzt lachte sie schon wieder nervös, noch bevor etwas passierte. „Ich meine es ernst.“

„Ich auch.“

Er zog ihr erst einen Socken aus, dann den anderen, ganz bewusst langsam. Schon der Luftzug über ihren nackten Sohlen ließ Mara die Zehen eng zusammenkrümmen. Sie versuchte, die Füße unter sich zu ziehen, doch Jonas hielt beide Knöchel mit einer Hand fest.

„So hübsch hilflos“, sagte er.

„Ich hasse dich.“

„Nein.“

„In diesem Moment sehr.“

Zuerst nahm er nur seine Finger. Ganz leicht strich er über ihre linke Fußsohle, vom Ballen zum Bogen, dann mit kleinen krabbelnden Bewegungen zurück. Mara explodierte förmlich in Lachen. Sie warf den Kopf in die Kissen, trat in die Luft, soweit Jonas es zuließ, und schüttelte sich am ganzen Körper.

„Nein! Nein, Jonas!“

„Der andere ist bestimmt genauso schlimm“, meinte er und wechselte prompt die Seite.

Er hatte recht. Vielleicht war der rechte sogar noch empfindlicher. Unter ihren Zehen war Mara am wehrlosesten. Sobald seine Finger dort kreisten oder in die Zwischenräume huschten, quietschte sie auf, krümmte die Zehen, wand sich und schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke.

„Zu viel?“, fragte er, kurz innehaltend.

Sie atmete keuchend ein, lachte noch nach und brauchte einen Moment, um zu antworten. „Noch nicht. Aber du bist dicht dran.“

„Verstanden.“

Er gönnte ihr drei Atemzüge. Dann griff er nach dem Kugelschreiber aus ihrer offenen Tasche.

Mara sah das und starrte ihn an. „Das wagst du nicht.“

„Doch.“

Er benutzte natürlich nicht die Spitze, sondern das glatte hintere Ende. Trotzdem war das Gefühl auf ihren nackten Sohlen unfassbar viel feiner, gezielter, gemeiner. Er zog langsame Linien den Bogen entlang, kreiste um ihre Ballen und tippte ganz leicht direkt unter ihre Zehen.

Mara verlor jede Fassung. Ihr Lachen wurde höher, atemloser. Sie wand sich hin und her, krallte die Hände in die Bettdecke und bettelte halb ernst, halb lachend um Gnade.

„Jonas, du Mistkerl! Das ist unfair!“

„Unfair?“ Er ließ den Stift hauchzart über die Mitte ihrer Sohle fahren. „Wir sind im Urlaub. Ich nenne das kreative Abendgestaltung.“

Sie konnte nicht einmal mehr kontern. Kaum ertrug sie den Stift, da legte er ihn weg und hob mit demonstrativer Ruhe das kleine Nervenrad hoch.

Mara stöhnte auf, noch bevor es ihre Haut berührte.

„Nur ganz kurz“, sagte er.

„Du lügst.“

„Vielleicht.“

Das erste Rollen über ihre linke Sohle war federleicht. Gerade das machte es so schlimm. Die vielen kleinen Spitzen des Rädchens liefen kitzelnd vom Ballen bis fast zur Ferse. Mara schrie vor Lachen auf und riss so heftig an ihren Beinen, dass Jonas sie fester halten musste. Dann nahm er die rechte Sohle dran, langsam, dann schneller, dann wieder nur in kleinen Kreisen unter den Zehen.

„Stopp! Jonas, Stopp, Stopp!“

Sofort nahm er das Nervenrad weg.

Nur ihr Lachen zitterte noch nach. Mara lag keuchend auf dem Bett, das Gesicht glühend, die Haare völlig durcheinander. Jonas ließ ihre Knöchel los und setzte sich neben sie, ohne dieses fiese Siegergrinsen ganz abzulegen.

„Alles okay?“

Sie brauchte einen Moment, dann drehte sie den Kopf zu ihm. „Du bist der schlimmste Mensch in diesem Hotel.“

„Aber?“

„Aber“, sagte sie und schob ihn mit letzter Kraft an der Schulter, „du hast dich an die Regeln gehalten.“

Er nickte. „Natürlich.“

Mara richtete sich langsam auf, zog die Beine an und massierte sich kurz die Fußsohlen, als müsste sie prüfen, ob sie noch ihr gehörten. Jonas beobachtete sie mit diesem gefährlich zufriedenen Blick.

„Wag es nicht, gleich wieder so zu grinsen“, murmelte sie.

„Warum?“

„Weil ich sonst auf dumme Gedanken komme.“

„Zum Beispiel?“

Sie nahm sein Kopfkissen, legte es auf ihren Schoß und fischte mit zwei Fingern das Nervenrad daraus hervor, das er achtlos darauf abgelegt hatte.

Zum ersten Mal an diesem Abend veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

Mara lächelte langsam. „Der Urlaub ist noch lang.“

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